Wo das Spiel aufhört
Kein Kind ist zu jung, um genau zu spüren, was ihm guttut und was nicht. Eine Frau Anfang 20 erzählt in diesem Themenheft von etwas Ungutem, das ihr widerfuhr, als sie sieben Jahre alt war. Ein Erlebnis mit einem gleichaltrigen Freund, in seinem Zimmer, in seinem Bett. Die Erinnerung daran ist unvollständig, aber sie trägt sie als etwas Unangenehmes, Bedrohliches bis heute mit sich herum.
Kinder sind keine asexuellen Wesen. Schon Ein- und Zweijährige berühren sich gerne an den eigenen Genitalien, und Dreijährige beginnen in sexuellen Spielen mit Gleichaltrigen, gemeinsam ihre Körper zu erkunden. Und manchmal kommt es vor, dass Kinder anderen Kindern sexuelle Handlungen aufzwingen, sie damit demütigen, oft um eigene Ohnmachtserfahrungen zu kompensieren. Die Grenze zwischen Doktorspielen und sexuellen Übergriffen mag für Aussenstehende auf den ersten Blick nicht immer leicht erkennbar sein. Für die Betroffenen ist sie klar und schmerzhaft spürbar: Der Übergriff beginnt da, wo die guten Gefühle aufhören.
Alle Erwachsenen waren einmal Kinder und sollten deshalb aus eigener Erfahrung wissen, dass die Kinderwelt nicht nur heil ist. Dennoch ist unser Blick auf diese Lebensphase oft eigenartig verklärt. Die Tatsache, dass sexuelle Gewalt auch von Kindern ausgeübt werden kann, passt nicht in dieses geschönte Bild hinein. Mädchen und Jungen werden deshalb noch viel zu oft mit dem, was ihnen widerfahren ist, respektive mit dem, was sie anderen angetan haben, allein gelassen.
CASTAGNA widmet das vorliegende Themenheft ihnen allen – den jungen Betroffenen und den jungen „Tätern“ und „Täterinnen“. Alle von ihnen benötigen Unterstützung und kundige Begleitung, um zu Menschen heranwachsen zu können, denen das Leben glückt. Alle sind sie darauf angewiesen, dass die Erwachsenen aufmerksam sind und rasch und konsequent handeln, wenn ein Verdacht da ist. Um die Betroffenen vor weiteren Übergriffen zu schützen und die tätlichen Kinder davor zu bewahren, weitere Übergriffe zu begehen.
Die Beraterinnen von CASTAGNA begegnen in ihrer Tätigkeit Menschen jeden Lebensalters, welche die Folgen sexueller Übergriffe zu verarbeiten versuchen. Ob diese von Erwachsenen oder von Kindern begangen worden sind – immer sind sie für die Betroffenen intensive Gewalterfahrungen. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Arbeit von CASTAGNA materiell und ideell unterstützen möchten, können Sie dies mit einer Mitgliedschaft im Förderverein tun. Wir danken Ihnen dafür.
Ursula Binggeli
Vorstand Beratungsverein CASTAGNA