Inkognito
Als ich noch ein Kind war, nahm ich an, dass das Erwachsenwerden später einmal von einem Moment auf den anderen geschehen würde, quasi auf Knopfdruck. Denn die Erwachsenen funktionierten so völlig anders als die Kinder und gingen mit so grosser Selbstverständlichkeit Dingen nach, von denen ich keine Ahnung hatte, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass Erwachsenwerden kein Quantensprung ist, sondern ein Prozess, in dem man bereits als Kind steckt.
Seither ist mehr als ein halbes Jahrhundert verstrichen und das Verhältnis zwischen den Generationen hat sich ein Stück weit verändert. Aber nach wie vor ist es so, dass für Acht- oder Zehnjährige manche Handlungen Erwachsener schlicht nicht begreifbar und deshalb auch kaum in Worte fassbar sind. Und noch immer ist das Machtgefälle zwischen Klein und Gross so ausgeprägt, dass es von Erwachsenen missbraucht werden kann und dass Kinder und Jugendliche es nicht wagen, anderen von ihrer Angst und ihrem Schmerz zu erzählen.
Die Lektüre der in diesem Themenheft versammelten Texte zu sexueller Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen in Institutionen macht klar, dass Übergriffe wie schwere Steine sind, die, ins Wasser geworfen, breite Kreise ziehen. Ganze Organisationen geraten ins Taumeln, in Teams schleicht sich gegenseitiges Misstrauen ein, bauliche Massnahmen merzen Rückzugsmöglichkeiten aus und wenn in Institutionen aufwachsende Kleinkinder die für ihre gesunde Entwicklung nötige körperliche Nähe nicht erleben können, weil ein Konzept zur Prävention von Übergriffen diese unterbindet, werden sie zu indirekten Opfern. Sexuelle Ausbeutung hat weitreichende Folgen.
Immer wieder gelangen Personen an CASTAGNA, die befürchten oder sich sicher sind, dass im Heim, das sie leiten, in der Schule, an der sie unterrichten, im Sportclub, den ihr Kind besucht, Übergriffe vorkommen. Wie vorgehen? Und: Wie in Zukunft solches verhindern? Kompetente Beratung ist hier unabdingbar. Das Team von CASTAGNA bietet sie an.
Mit einer Mitgliedschaft im Förderverein können Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Arbeit von CASTAGNA materiell und ideell unterstützen. Zusammen mit den Beraterinnen hoffe ich, dass dieses Themenheft Sie ermutigt, sich in Ihrem Wirkungskreis für die Auseinandersetzung mit dem Risiko sexueller Übergriffe starkzumachen. Mit einer Kultur des offenen Wortes – und des aufmerksamen Zuhörens – kann ein Klima entstehen, in dem betroffene Kinder und Jugendliche sich getrauen, ihrer Befindlichkeit Ausdruck zu geben. Und dann verlieren tätliche Personen ihre Macht.
Ursula Binggeli
Vorstand Beratungsverein CASTAGNA