Beratung und Trauma
Zwei Personen sitzen sich beim Beratungsgespräch gegenüber und setzen sich mit Erlebnissen und Gefühlen von grosser Intensität auseinander – mit der Wucht eines Traumas und seinen Folgen. Was heisst das für die beiden, die sich da begegnen? Was löst das bei ihnen aus? Wie gehen sie damit um? Teilen und abgrenzen, mitschwingen und entgegenhalten – zwei Seiten, zwei Erlebensweisen, die sich ergänzen. Darum geht es auf den folgenden Seiten.
Wie sie die Beratung erlebt haben, erzählen in diesem Themenheft sechs Frauen, die sich mit Unterstützung des CASTAGNA-Teams an die Aufarbeitung ihrer traumatischen Erfahrungen gewagt haben (Jahresbericht Seiten 4 bis 11). Ihnen sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt – für ihre Offenheit, ihre Differenziertheit und ihren Mut. Ihre Beiträge zeigen, wie vielschichtig die Auswirkungen von Traumata sind, wie wichtig eine kompetente Begleitung ist. Dass der Weg durch Schmerz und Hoffnung, Weinen und Lachen ein Weg zu sich selbst ist, davon zeugt unter anderem diese Erkenntnis einer Klientin: «Wichtig ist einfach, dass ich mich getraue, es so zu machen, wie ich es für richtig halte, dass ich den inneren Ängsten und äusseren Widerständen standhalte.» Ein Prozess, der nie abgeschlossen ist, sondern immer weitergeht.
Weil die Auswirkungen der Beratung traumatisierter Menschen auf die Helferin/den Helfer ein Thema ist, das sonst eher selten zur Sprache kommt, gehen gleich zwei Texte darauf ein. In den insgesamt acht von Fachleuten verfassten Berichten (Themenheft Seiten 4 bis 25) geht es um den mit (Selbst-)Erfahrung und Know-how «prall gefüllten Koffer», den sie in die Beratungssituation mitbringen. Ein Koffer, in dem auch Methoden Platz haben müssen, die das eigene Wohlbefinden sichern – wie zum Beispiel das Führen eines «Freudetagebuchs», das die Freudefähigkeit der Beraterin fördert und ihr ermöglicht, diese Erfahrung den Klientinnen zu vermitteln. Denn Heilung hat auch viel damit zu tun, die hellen, fröhlichen Seiten des Lebens erspüren und erleben zu können.
2007 wurde CASTAGNA von 1191 Kindern, weiblichen Jugendlichen und in der Kindheit betroffenen Frauen respektive von Angehörigen der Betroffenen aufgesucht. Ihre fachgerechte Beratung erfolgte in enger Zusammenarbeit mit externen Therapeut:innen, Sozialarbeiter:innen, Anwält:innen, Ärzt:innen, Untersuchungsbehörden sowie anderen Beratungseinrichtungen. Diese stetig wachsende interdisziplinäre Kooperation trägt wesentlich dazu bei, dass CASTAGNA das anspruchsvolle Arbeitspensum bewältigen kann. Wenn Sie die Tätigkeit der Beratungsstelle ebenfalls unterstützen möchten: Mit einer Mitgliedschaft im Förderverein CASTAGNA werden Sie Teil des grossen CASTAGNA-Unterstützungsnetzes. Wir freuen uns auf Sie!
Ursula Binggeli
Vorstand Förderverein CASTAGNA